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MENSCHEN IM GLEICHSCHRITT ...

in: artlout | contemporary art magazine | Nr. 4/8 | Berlin - Leipzig 2008

Menschen im Gleichschritt, Fänge der Gesellschaft und Zeit auf der Überholspur überstrahlen unseren Alltag. Es entsteht eine Geschwindigkeit und Dynamik, mit der der Einzelne kaum noch Schritt halten kann. Wie wohltuend da doch vor allem die zweidimensionale Kunst erscheint, man meint hier steht die Zeit still. Betrachtungen lassen in aller Ruhe ein Gedankenspiel entwickeln, welches beim Abwenden des Blickes beendet zu sein scheint. Farben und Formen auf Leinwände gebracht, in einer musealen Stille.
Doch selbst wenn Bilder schreien, so schreien sie in offensichtlicher Provokation, deren Grund schnell geklärt ist und aus der Ansicht des Künstlers entsprungen ist. Doch manchmal geht der Sinnesrausch des Künstlers weiter. Er handelt nicht in eigener Absicht, sondern er scheint emotional so getrieben zu sein, dass neue Sphären entstehen, die nicht vorgedacht sind, sondern erst in der zufälligen Anordnung entstehen. Bei einem solchen Künstler kommt man schnell auf Jonathan Messe, in seinerscheinbaren Grenzenlosigkeit, erkennt man jedoch schnell die verarbeitete Gesellschaftspopularität.
Es werden bevorzugt Trends und gegenwärtige Tabus aufgegriffen und zu einer Popwelt verarbeitet, die mit Sicherheit interessant ist, aber immer zu erklären scheint. Doch es gibt Künstler die darüber hinaus gehen, jene, die nicht nach dem Erklärbaren suchen, es nicht anstreben, ja sogar mehr oder weniger bewusst ausklammern. Es entsteht ein Spiel aus Material und tausenden Fakten, die in scheinbarer Willkür zusammengefügt scheinen und doch nach einem Sinn suchen, welcher aber einem individuellen Entstehungsprozeß unterworfen ist. Hjuler, dessen Name schon auf ein großes Maß an Autorität schließen lässt, sein es nun zum einen durch den graduierten Titel, obgleich in seiner zeitgenössisch beruflichen oder in seiner historisch russischen Bedeutung, oder im zweiten Wort, welches irgendwie immer wieder einen gewissen Rückschluss auf deutsche Vergangenheit zu lässt.
Obgleich man wohl vom inhaltlichen Aspekt keinen "Roten Faden" in Hjulers Gesamtwerk finden wird, so reizt doch die Tiefgründigkeit im Einzelnen und im Detail. Was in treibt und was ihn arbeiten lässt verrät uns Hjuler im Interview.

 

artlout: In unserer Einleitung habe ich ja schon gemutmaßt, woher der Name stammt, klären sie uns doch bitte über den Ursprung auf.
Detlev Hjuler: Der Name Hjuler ist schnell erklärt. Mein Nachname Hjuler stammt aus dem Dänischen, der alt-dänische (h)juler war der Radmacher, der mit Weihnachten in Verbindung gebracht wird, da bis zum Ende des 19. Jahrhunderts in Dänemark Geschenke an ein Rad gebunden wurden. Ich zolle diesem Namen immer wieder Gebühr, in dem ich weihnachtliche Themen in dänischer Sprache umsetze, wie z. B. "de hellige tre konger".

Ein interessanter Fakt, wie kommt man dazu, nicht nur Kunst zu produzieren, sondern vor allem auf so anarchistische Art? Ist das ein Kindheitsinstinkt, Ironie oder eher der Versuch eines Ausbruchs?
Zur Kunst kamen Mama Baer und ich auf Umwegen, ich sammele seit den 80ern experimentelle Musik, kam dann 1999 an einen Punkt, wo mir Musik anderer nicht experimentell genug war. Ein Ausbruch aus dieser Stagnation war es dann, eigene Musik zu produzieren, Musik fern ab von Musik im herkömmlichen Sinne, eher reines Experiment. Ein Zeitpunkt, zu dem ich Mama Baer kennenlernte, die dann, ohne meine Sammlervorkenntnisse, diesen Weg mit mir bestritt. Unsere Pfade weichen dabei stark von einander ab und kreuzen sich trotzdem immer wieder. Etwas später kam die Auseinandersetzung mit der bildenden Kunst, und hier die gleiche Entwicklung für mich und Mama Baer. Erst der Besuch von Ausstellungen, eigentlich eher Unzufriedenheit mit dem Gesehenen, dann der Schritt weiter, es selbst zu wagen, Mama Baer im Bereich der Malerei, ich im Bereich der Collage und der Objektkunst. Es dauerte für uns, da Selbststudium der Techniken, lange, bis wir mit den Ergebnissen zufrieden waren, die ersten Jahre können wir nicht als Kunst werten. Erst ab Anfang 2007 fingen wir an, dem jeweiligen Anspruch an uns selbst zu genügen, im Kopf entstandene Bilder auch 1:1 umsetzen zu können, und ab da kamen dann auch erste Ausstellungen. Kunst und Musik waren sicher einmal für mich ein Ausbruch, mittlerweile sind sie das, was ich mache und was ich bin.

Also wenn ich das richtig verstehe, dann entsprachen die Arbeiten vor Anfang 2007 nicht der Idee im Kopf, oder musste die Idee erst noch weiter reifen? Den Arbeiten entnimmt man viel Perversion und Aggression, die breit gestreut ist. Es scheint fast so, als sei die entstandene Arbeit ähnlich wie bei Hermann Nitsch oder noch passender Dash Snow, genau durch solch einem aggressiven Sinneszustand hervorgerufen. In welcher emotionalen Verfassung befinden Sie sich bei der Produktion?
Ich denke mal nicht, dass Mama Baer und ich irgendwann wie Neo Rauch ein Datum setzen und erklären, ab da machten wir Kunst! Wir haben nur bereits gearbeitet, als wir noch gar nicht den selben Anspruch an uns hatten wie beispielsweise ab Ende 2006 entwickelt, davor entstanden sicher auch schöne Sachen, nur heute habe ich ein Bild im Kopf, das will ich dann 1:1 umsetzen, z. B. das Mittelfeld unrasierter Damentischfussballmannschaft, die Idee kam nach den Erfolgen unserer Damenfussballmanschaft, sofort hatte ich das Klischee des Unrasierten im Kopf, nicht böse gemeint, eine Assoziation auf ein Mannweib vielleicht, ich fand die Puppen, den Griff und einen Ball, und hatte ein Bild vor Augen, es brauchte dann allerdings fast ein Vierteljahr, bis ich Zeit fand, dieses Bild umzusetzen, aber das Objekt entspricht jetzt diesem Bild.
Vor 2007 entstand etwas im Prozess, ich bin vielfach von Vorstellungen abgewichen, meist sahen Objekte später ganz anders aus als gedacht. Vielleicht auch deshalb die Festlegung, dass ich mich erst seit 2007 etwa als Künstler verstehe.
Hermann Nitsch bringe ich nicht mit Aggression oder Gewalt in Verbindung, das machte Schlachter ja zu Mördern, ich empfinde es vielfach als Integration eines eigentlich natürlichen Prozesses an unpassender Stelle, nur sind viele Bilder sicher eher zufällige Produkte. Wenn ich mir Dash Snows Collage Bin Laden Youth anschaue, stören mich die zugeklebten Vaginas eher, das nimmt der Provokation die Provokation, interessant finde ich seine Polaroids, weil sie bei der Gewalt zeigen, dass man daneben steht, für mich bei einem Polaroid noch mehr, als bei einem Foto.
Meine Frage ist dann nur, ob sie gestellt oder echt sind. Dash Snows Tante finde ich hübsch. Es steht mir aber überhaupt nicht zu, über das Werk anerkannter Maler zu richten, ich setze mich dazu auch nicht tief genug mit anderer Kunst auseinander. Ich bin nicht perverser und aggressiver als jeder andere, plakative Biedermänner habe ich vielfach als wahre Perverslinge kennengelernt. Ich arbeite eher unbeteiligt, eigentlich frei von erotischen Phantasien, ein Pornoheft ist für mich wie eine Farbpalette, auf der ich Töne anmischen kann.
Auch ich setze gerne unpassend wieder zusammen, und manchmal passt das scheinbar Unpassende dann bei genauer Betrachtung ganz gut. Einen Faibel habe ich für Arme aus Pornoheften entwickelt, das sind Armhaltungen, die man sonst nirgends findet.

Also gibt es eher weniger einen bestimmten Bewusstseinszustand mit dem gearbeitet wird, als Identifikation mit der Idee und Material. Und wie ist das bei einer Performance, wieunterscheidet diese sich von den erstellten Objekten? Selbst nur die Hörproben lassen ja schon viel emotionsgeladene Intuition vermuten.
Ich gehe in einer Performance auf, Mama Baer geht es da ähnlich, nach den Auftritten sind wir völlig ausgelaugt, manchmal können wir tagelang nicht sprechen, da uns die Stimme fehlt. Auch das Einspielen von neuen Aufnahmen zu Hause ist voller Emotionen und purer Stress, den wir uns dann aber selbst machen.
Malerei fordert Mama Baer viel ab, jeder Fehlstrich endet in Geschrei und Wut, auch wenn er nachher leicht wieder zu entfernen ist. Ich gehe in meiner Arbeit genauso auf, die beschriebene Emotionslosigkeit besteht nur z. B. gegenüber einem verwendeten Pornoheft, das ist für mich dann kein Pornoheft, es ist Material. Aber bei der Arbeit herrscht Hektik und Angespanntheit. Emotionen kann man nicht ausklammern, sie sind mal so, mal so, und bestimmen immer den Ausgang der jeweiligen Arbeit oder führen gar zum Abbruch.

Also lässt der Stress erst ein solch gutes Werk entstehen. Ihre Mama Baer ist ja auch einbezogen in Arbeiten, bzw. ja eigenständige Künstlerin. Wie beeinflusst man sich da gegenseitig? Gerade bei den Performances, ist das eher ein Kampf gegeneinander oder eine Art der Ergänzung?
Mama Baer und mir bleibt im Gegensatz zu anderen Vollzeitkünstlern immer nur die Zeit, die uns unsere Kinder für die Kunst übrig lassen, und das sind manchmal nur ein paar Stunden am Tag, da kommt dann unweigerlich Stress auf. In dieser kinderfreien Zeit arbeiten wir zusammen oder nebeneinander her, ganz alleine sind wir selten, kommt aber auch vor. Wir sind als Hjuler und Mama Baer ein Künstlerduo wie Fischli & Weiss oder Gilbert & George, und daneben gibt es dann nur den Hjuler und nur die Mama Baer mit ihren eigenen Produkten. Einige dieser Bilder und Objekte sollten eigentlich den Namen Hjuler und Mama Baer tragen, denn in der Musik unterscheiden wir ja auch so genau, nur wäre das dann ein Verfall in totale Bürokratie, da wollen wir auch wieder nicht hin. Wir funktionieren sehr gut alleine und besser noch als Team, was will man da mehr, außer vielleicht mehr Zeit?

Im Vorgespräch hatten sie schon erzählt, dass sie schon mit dem Vorwurf der Frauenverachtung konfrontiert worden sind. Dies sehe ich nicht so, da wir ja allgegenwärtig von "Porno" umgeben sind und dort Frauen auch mittlerweile mehr in die Rolle der Emanzipation getrieben werden, die Frau herrscht da eher über den Mann und spielt mit ihm als andersherum. Aber wenn man nach Parallelen zwischen Mama Baer und Hjuler sucht, dann kommt man oft auf Sexualität inperversierter Darstellung. Die Frage mag jetzt provokant sein, aber wie überträgt sich das ins Reale? Ich meine damit nicht unbedingt den Geschlechtsakt, aber wenn man mit Sperma, Kondomen und Regelblutarbeitet muss es da ja Abweichungen vom industriell propagandierten "Akt der Liebe" geben. In wieweit fließt dann Reales in die Arbeiten?
Unser Sexualleben ist nicht besonders ausgefallen, denke ich mal, ist okay so, wir gehen offen mit Sexualität um, einen Cunnilingus kann man sich auf der Aufnahme Mama Baer - my little feelings anhören, insgesamt findet aber die abgefahrenere Sexualpraktik eher auf der Leinwand statt, vielleicht genügt uns das ja als eine Art malerisches Vorspiel. Ein Psychologe würde mir vielleicht dazu raten, lieber mal die Mama Baer zu fesseln und kräftig durchzuficken, anstatt meine perversen Phantasien als Objekte auszudrücken, nun, das eine schließt das andere nicht aus, nur würde ich im Zweifelsfall eher auf den Verkehr verzichten. Für viele Künstler ist es sicher gut, dass sich nicht Psychologen sondern Kritiker mit dem Werk auseinader setzen. Für einen Psychologen ist ein Maler schlimmstenfalls gesund, für einen Kritiker sollte es egal sein, Adolf Wölfli hat doch auch sehr schöne Bilder gemalt.

Erschrickt man dann vor dem entstanden Produkt oder ist es dann in gewisser Weise doch eine Sehnsucht, oder ist es in keinster Weise auf die Realität zu übertragen? Wölfli gestaltete ja vorallemseine eigene Sicht der Welt? Existiert so etwas bei Hjuler und Mama Baer auch?
Mit Gewalt werde ich beruflich so häufig konfrontiert, dass ich da nur völligabgestumpft reagieren kann, vielleicht ist das ja eine Form der Bewältigung, nur warum ergeht es der wohlbehüteten Mama Baer ohne meine beruflichen Erlebnisse dann ähnlich? Warum werden Filme wie Hostel oder Saw gesehen? Wohin verschwindet seit 1993 in Ciudad Juárez (Mexiko) jede Woche eine junge Frau? Gewalt existiert sicher in jedem Menschen, nur verfügen die meisten Menschen über ausreichend stabile Kontrollmechanismen und beherrschen die Gewalt. Unser beider Kontrollmechanismen funktionieren, wir sind lieb!
Ich muss hier einmal darauf hinweisen, dass nur ein kleiner Teil unseres Werkes augenscheinlich pornografisch und gewalttätig erscheint, und gerade diesen Teil betrachtet dann jeder Außenstehende mit Interesse. Er weist ihn von sich, weil er so erzogen ist, oder er lässt ihn an sich heran, und erst dann kann er sich mit diesem Teil von Hjuler oder Mama Baer auseinander setzen. Wir klammern die Gewalt um uns und auch in uns nicht aus, wir sindfroh, dass wir die Gewalt in uns beherrschen und jeden Tag froh, an dem wirnicht von ihr heimgesucht werden. Jede Mutter kann froh sein, wenn ihr Kind nichtauf dem Nachhauseweg von der Schule von einem Sexualstraftäter verschleppt wird, jede Mutter weiß um diese Gefahr, jede Mutter weist sie so weit von sich, dass sie gar nicht mehr existent erscheint. Ich stelle Gewalt nicht als gut und nicht als schlecht dar, ich baue sie auf subtile und abstrakte Weiseunpassend ein.
Das bleibt soweit real, eine Scheinwelt habe ich aber für meine Brotkatze geschaffen, ein spielerisches Projekt, in das ich wieder viel Realität projiziere, z. B. treiben wirtschaftliche Interessen die technisch überlegene Votzekatze zum Krieg gegen Brotkatze. Nach und nach entstand für diese Spezies ein soziales Gefühl. Das Leben der Brotkatze bearbeite ich in Zyklen, von Zeit zu Zeitsetze ich hier meine gesammelten Ideen um.
Eines der letzten Bilder ist der Bleistiftregen, eine Brotkatze steht im Regen von Bleistiftspäne, sie weis zu ihrem derzeitigen Entwicklungszustand noch nicht, dass Späne erhitzt wird, aufsteigt, im Himmel wieder abkühlt und herabregnet, also gibt es für sie nur einen Gott, der einen Bleistift anspitzt und Späne regnen lässt. Und es wird in späteren Jahrhunderten, wenn Verdunstung und Niederschlag der Spänephysikalisch für sie bewiesen sind Brotkatzen geben, die fest an die Überlieferung von einem Gott der Bleistifte anspitzt glauben. Was hier absurd klingt, ist analog übertragbar auf unsere Gesellschaft, vielleicht schadet es ja auch nicht, sich auf Xenons Heimsuchung der Erde vorzubereiten, naja, im realen Leben bin ich zu bodenständig für Scientology.

Die Brotkatze ist ein sehr interessantes Projekt. Erst jetzt erschließt sich mir ein festeres Schemata dahinter. Die Brotkatzescheint ja in ihrer Form unabänderlich und erinnert irgendwie an das Sinnbild "Gottes vergessenes Kind". Wenn ich jetzt diese beiden Dingemal persönlich weiterspinne, und an Brot und Gottes verlassene Kinder denke und dazu noch Scientology sehe, dann wird das alles sehrpolitisch. Inwieweit sieht Hjuler selbst seine Bilder als politisch?
Ich bin absolut unpolitisch, da ich glaube, dass man gar nichts verändern kann, wer an der Macht ist, verändert nur sich selbst, und zwar zum Negativen. Ich glaube auch, dass jede Politik mit unterschiedlichem Ansatz gleich verlauft, was will man schon machen ohne Geld. Jeder Mensch ist käuflich, Mama Baer und ich eingeschlossen. Brotkatze verkauft sich den Sieg gegen Votzekatze bei Gott, damit ist sogar der Glaube ein Geschäft.
Dieser Nihilismus ist dann als Sichtweise schon wieder politisch, sagen wir es also insgesamt anders, ich wähle nicht, ein Regimewechsel führt nur neue Menschen in Versuchung, langt doch, wenn die bestehende Macht verführt ist.

Selbst Worte wie Votze oder Brot reichen ja aus um die Kunstpolitisch zu machen, aber man macht damit ja noch keine Politik. Da ist ein Unterschied. Ich habe gesehen das in ihren Arbeiten auchihre Kinder auftauchen. Greifen sie die kindliche Kreativität auf unddefinieren diese neu, beziehungsweise lassen sich von ihr leiten? Spielt das Gefüge ihrer Familie bei der Kunst eine Rolle?
Ich bin durch meinen Beruf anpassungsfähig genug für jede Politik, ich glaube nicht, dass es irgendwo ein besseres Rechtssystem gibt. An dieses Rechtssystem hält sich die Politik ja auch, und das System lässt doch ausreichend Freiraum. Ich habe vor kurzem mit einem Künstler in Afrika zusammengearbeitet, da wird man mit unglaublicher behördlicher Willkür konfrontiert, ich habe jede Woche neue Bestechungsgelder via Western Union für irgendwelche Beamte überwiesen und bin dadurch mit quasi Null Gewinn aufgetreten, ist aber auch okay so, war ein interessantes Projekt.
Das Auftauchen der Kinder in Musikstücken haben wir immer dann, wenn eines der Kinder von unserem Aufnahme-Spektakel wach wird, uns bleibt dann nur, das Kind mit einzubauen, hat bisher gut geklappt, war auch eher die Ausnahme. Cy haben wir dann auch namentlich eingebaut, als CY AUCH, das waren seine ganz frühen Worte, wenn er dabei sein wollte. Ich kann für meinen Teil sagen, dass ich ausreichend kindliche Kreativität mitbringe, nur in der perfekten Gesellschaft verlernt habe, sieumzusetzen, ich kann leider nicht mehr wie ein Kind malen, was ich noch hinbekomme ist die Schreibschrift.
Die Begrifflichkeiten Votze(-katze) und Brot(-katze) im Krieg sind hiernicht als Versinnbildlichung eines Krieges der Lust gegen den Markt o. ä. zu sehen, ich wollte lediglich völlig absurde Spezies erschaffen, um gerade einer Assoziation vorzubeugen.Die Brotkatze entstand bereits Ende 2000, dann kamen erst 2006 die Riesen- Griebenschmalzkatze und die Butterkatze hinzu, und dann in Folge Votze-, Fell-, Gummi- und Filzkatze, vielfach blieb es bei Statistenrollen, aber so was kann sich ja schnell ändern. Filzkatze bleibt auf jeden Fall Statist, mit Filz hat schon jemand sehr erfolgreich gearbeitet.

Sie sprechen von Beuys. Tangierendes kann man ja erkennen, aber das ist bei vielen Künstlern so die nach dem "erweiterten Kunstbegriff" kamen. Gerade im Umgang mit dem Material. Beuys konntenie für sich definieren was im Fordergrund steht, Material oder Sinn oder das entstandene Werk. Nach außen  hin schien es immer das Material zu sein. Bei Ihnen scheint es der Sinn, oder zumindest die Suche nach diesem zu sein. Sehen sie das ähnlich?
Ich liefere zu vielen Problemen auf debile Art Denkanstöße, ich verlange keine Antworten, ich richte über niemanden, ich rege vielleicht schon den einen oder anderen zum Nachdenken an, das ist schon viel, ich strebe keine Revolution an, ich betrachte mich nachwievor als unpolitisch. Joseph Beuys war ab einem gewissen Punkt politischer Aktivist, nur gingab da aus meiner Sicht seine Kunst verloren. Bis zu diesem Punkt war er aufseinem Gebiet genial, aber - und vielleicht stehe ich mit dieser Sichtweisealleine dar - die Politik hat den Künstler Beuys aus meiner Sicht kaputtgemacht.
Kunst ist für mich keine Politik. Kunst sollte sich auch nicht in irgendeine Richtung einspannen lassen. Das sind jetzt sehr grundlegende Dinge, ich weiß nicht, ob sie für den Leser so von Interesse sind, ich weiß auch nicht, ob meine Meinung da ausschlaggebend ist, vom Hjuler und seiner Mama Baer, die jetzt in der Kunst präsent sein wollen, entfernen wir uns bei solch abgehobener Betrachtung ja auch eher, denn das sind Bereiche, für die es keine generellen Antworten geben sollte.
Ich denke mal, dass ich mit jedem Material arbeiten könnte, ich passe mich immer meinen Gegebenheiten an, aus Fundsachen, und sei es der größte Müll, schaffe ich es immer noch, für mich künstlerisch wertvoll zu sortieren. Ich spanne das Material für mich ein. Ich bin tagtäglich auf der Suche nach kleinen Fundstücken, ein abgerissenes Band da, ein angeschwemmter Stock hier, ich sammele diese Utensilien und baue sie irgendwann in meine Kunst ein. Ich lege mich da nie auf ein Material fest, ich versuche auch immer wieder aussenstehenden Mechanismen auszubrechen, ich habe den Anspruch, mich jeden Tag neu zu erfinden.

Mama Baers Kunst unterscheidet sich ja augenscheinlich von der des Hjuler, zumindest was die bildende Kunst betrifft. Personen, Gesichter und fratzenartige Erscheinungen sind immer wieder zu sehen. Unabhängig von der Handlung auf den Bildern, haben die Personen reale Vorlagen? Ich meine den Hjuler auf einem Bild erkannt zuhaben.
Mama Baer hat einen langen Weg gewählt, um zunächst einmal dahin zukommen, wo sie sich jetzt befindet, und sie ist noch in Bewegung. Sie hat die Maltechnik nicht von anderer Seite erlernt, sie hat sie sich erarbeitet, über Jahre.
Es begann damit, dass sie noch in unserer ersten gemeinsamen Wohnung Bilder Dritter als unpersönlich empfand und von mir eingebrachte Bildernach und nach durch eigene Bilder ersetzte. Dabei bemerkte sie unweigerlich, dass sie ihre Ideen nicht so umsetzen konnte, wie beabsichtigt, also begann sie zu lernen, Landschaften oder Tiere zu malen, eher zu Übungszwecken, alles Bilder ohne Relevanz für sie, alles Bilder die wir nach und nach verschenkt haben.
Ein Talent hat sie schon mitgebracht, aber es brauchte bei ihr lange, bis sie die Bildern malen konnte, die sie vor Augen hatte, und das sind wirklich fratzenartige und böse Erscheinungen. Sie kann es sich und mir nicht erklären. Sie war als Kind immer Außenseiterin, mag sein, dass sie hier ein Stück Kindheit und Jugend aufarbeitet. Viele Bilder weisen bis zu einem bestimmten Fertigungsgrad noch anmutige Gestalten oder Gesichter auf, die dann nach und nach übermalt und verschmiert werden.
Mir gefallen sie so entstellt dann auch besser, deshalb will ich Mama Baer da auf keinen Fall von abhalten, aber sie lässt sich in den Malprozess von mir ohnehin nur selten reinreden. Die Personen stammen zum Teil aus unserem Umfeld, wir beide sind auch immer wieder vertreten, ihre und meine Eltern hat sie gemalt, aber dann in einer Interpretation, dass ihre und meine Eltern so gar keinen Gefallen daran hatten, während ich die Bilder als sehr getroffen empfand. Manchmal sind es Personen aus Pornoheften, wenn nicht gerade deren Arme schon ausgeschnitten sind. Ich tauche als (Kom-)Missionar in einem Bild zur Thematik Die Kirche auf.
Mama Baer ist katholisch erzogen worden, im Norden Deutschlands eine Ausnahme. Wir sind fast unmittelbar nach unserem Kennenlernen beide aus der jeweiligen Kirche ausgetreten, ich denke mal, dass sie mich als Gegenmissionar gemalt hat, aber ein kleines Lächeln hätte sie mir auf dem Bild schon geben dürfen.

Von gewissen dingen darf man sich als Freigeist gerne lossagen, man verurteilt diese ja damit auch nicht. "Missionieren" werden sie ja in naher Zukunft auch Berlin. Was für interessante Projekte von ihnen stehen in naher Zukunft an?
Ja, ab dem 19.04. heißt es dann Brotkatzen über Berlin in der Galerie O'Tannenbaum, der April wird ohnehin ein stressiger Monat, denn wir startengleich drei Ausstellungen (Bielefeld, Saarbrücken, Berlin), zudem sind wir auf einer kleinen Tournee (Bremen, Nijmegen, Eindhoven, Welver). Im aiwidmet uns das Geelong Arts Alliance Space in Australien einen Themen-Abend mit kleiner Ausstellung, Anti-Live-Konzert und Vorführung unserer Kurzfilme, hängt zusammen mit einem Beitrag unsererseits zu einem Kunstbuch, das in Australien erscheint.
Im Juli sind wir mit einer Performance als Eröffnungs-Act für das Avantgarde Festival Schiphorst gebucht, gleich anschließend dann eine Ausstellung in der Flensburger Innenstadt, und ab da nehmen wir gerne noch Angebote von Galerien an. Zurzeit bietet die Artware Gallery in Wiesbaden einige unserer Werke online zum Verkauf an. Neue LPs erscheinen auch gerade in Italien, zudem eine CD in den U.S.A.

Das klingt ja vielversprechend. Dann wird man ja Hjuler und Mama Baer an allen Ecken und Enden begegnen. Ich bedanke mich schonmal für das Interview und überlasse wie immer dem Künstler das letzte Wort, mit dem Satz vor dem jeder Fernsehmoderator zittern würde: Sie dürfen jetzt das sagen, was immer noch gesagt werden muss.
Schöner als jeder in Aussicht gestellte Erfolg als Künstler ist doch, dass ich Mama Baer für mich gefunden habe; damit bin ich jeden Tag auf der Sonnenseite des Lebens.

weiteres zum Interview
http://artlout.blogspot.com/2008/04/kommissar-hjuler-interview.html

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