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DIE LUSTIGEN ABENTEUER VON ...

Rezension von Rigobert Dittmann

publiziert in: BAD ALCHEMY #78 | Darmstadt | September 2013 | www.badalchemy.de

Die lustigen Abenteuer von ... - ja wem? Auf jeden Fall mal MAMA BAER, die sich wiederum einen Domestic-Violence-Split (DVR-HGA9, LP) mit japanischen Psychedelic-Fuzzies teilt. Ihr "Seelennebel-brut l-II" kommt wummernd und zag flötend tatsächlich wie aus dem Nebel daher. Klopflaute bringen da ebenso wenig Klarheit ins Nichtbild wie gitarristische Kratzer. Pan scheint noch nicht erwacht, sondern sich nur im Halbschlaf zu regen. Die Bärin lässt, vielleicht sogar nur mit dem Fuß, einen Gegenstand eiernd wackeln, mit wie geistesabwesend beiläufigem Geflöte. Aber das jetzt, das ist doch ein Beat, ein mattes Tamtam zwar nur, gerade genug, um sich die Langeweite zu verkürzen. Das ist schon sehr brut, was die Mama da umeinander klopft und schabt und weiterhin leise beflötet. Das Finale ist dann aber doch ein auch accelerierendes Crescendo als Ausrufezeichen hinter einer jener Irritationen, die mich im Hjulerschen Allerleirau aufhorchen lassen. Mamas Bettgenossen, nur durch 2 mm Vinyl auf Distanz gehalten, sind UP-TIGHT, eine seit über 20 Jahren aktive Formation aus Hamamatsu. Aoki Tomoyuki an der Gitarre, Ogata Takashi am Bass und Shirahata Takashi an Drums & Piano entfachen als "Etude in Black I-IV" einen wabernd heulenden Psychedelicsturm, der schnell verständlich macht, warum Kawabata Makoto sich für sie erwärmte. Mittendrin das Piano einzusetzen mit wuchtigen Glockenschlägen, ist ein starker Schachzug, der Aokis intensiv und vielgestaltig irrlichternde Gitarrenarbeit prächtig hervorhebt. Schnelles Gehämmer stößt zuletzt noch ein besonders furioses Schneidbrennen an, das auch mit allen bassistischen und jetzt auch wieder trommlerischen Mitteln den Durchbruch zur anderen Seite zu erzwingen versucht. Eine Zen-Meditation, aber wie mit Godzillablut infiziert, das etwas entfesselt, das einen vor Schmerzlust aufstöhnen lässt. Schnecke, hast Du den Gipfel des Desolation Peak erreicht, klettre weiter. Oder so ähnlich.

Beim Jubiläums-Split (Der Schöne Hjuler-Memorial-Fond, SHMF-250) mit KOMMISSAR HJULER beginnt MAMA BAER ihr 4-teiliges About Me' mit grob ausgestoßenen Silben, die sie mit hoch zitternder Vokalisation und elektronischem Pfeifen verziert. Das hört sich wie eine Hexen-Litanei an, ebenso auf Englisch wie das anschließende Gebrabbel als altes Mütterchen, das sie mit wie behindertem La La La belallt. Als drittes singt sie Looking out, missing you als mit Gitarre beklampften Kanon. Und zuletzt, zweistimmig versetzt und noch etwas jämmerlicher, etwas noch Jämmerlicheres mit „end“ und „over“. Nur ein Innenleben aus Sägemehl würde davon nicht gerührt. Die B-Seite bringt dazu ‚Die lustigen Abenteuer von Pischi Pischi und Miff Maff’ als derbes Hörspiel, mit dem Kommissar als säuisch sadistischem Oberkasper und der Mama als massakriertem und bepisstem Opfer. Bei 'Tretmodul 2' wird - Barmherzigerweise? - nur bruitistisch und türenseufzerisch hantiert, der Kommissar & Co. haben Spaß, wir Deppen schauen deppert drein, der Vorhang fällt und alle Hosen offen. Zuletzt schlabbern und stöhnen der Kommissar und die Mama ins Mikrophon ‚Cunnitingus’ im Hause Hjuler. Als DVD-R-Dreingabe gibt es mit Bittersweet Revenge (1983) einen alten Bondage-Porno. Nicht gerade etwas, das mein Menschenbild aufhellen könnte. Mit „Alles ist erlaubt“ als Häkeldeckchenspruch ist die Spekulation auf heiße Ohren zur Masche geworden. Die einen aber nur in ein Museum des Tabubruchs locken kann. Geboten werden keine Provokationen, sondern Sammlerstücke.

Bad Alchemy MagazinÜber das BAD ALCHEMY Magazin: BA ist ein dem Marginalen und Peripheren gewidmetes Audiomagazin, mit jeweils einer dazu passenden 7"-Single oder EP. Ins Leben gerufen wurde BA 1984 als Projekt von Recommended Deutschland. Rigobert Dittmann alias RBD produziert das Heft während seiner Freizeit in zäher finanzieller und kultureller Unabhängigkeit. Nicht zuletzt deshalb konnte er während all den Jahren konsequent über unpopuläre Musikformen und obskure Tonträger in Kleinstauflagen schreiben, die sonst wenig Beachtung in den Medien finden. Unverdrossen beackert BA als nahezu einziges deutschsprachiges Heft das akustische Pluriversum von Absurd, AIC, Alien8, Ambiances Magnétiques, Another Timbre, ATP, Auf Abwegen, CIMP, Creative Sources, Cuneiform, D’Autres Cordes, Dekorder, Die Stadt, Drone, Editions Mego, Emanem, empreintes DIGITALes, ESP, Extreme, Firework Edition, Fylkingen, For 4 Ears, Häpna, High Mayhem, Hinterzimmer, Intakt, Karlrecords, Korm Plastics, Last Visible Dog, Leo, Libra, Moonjune, Nexsound, No Type, pfMENTUM, Psi, Raster-Noton, ReR Megacorp, Rune Grammofon, Staubgold, Tosom, Touch, Tzadik, Unsounds, Victo, Wachsender Prozess … Bad Alchemy erscheint zwei- bis dreimal jährlich im DIN A 5-Format mit ca. 80 Seiten.
BA exists as an audio-magazin since 1984. It took most of its inspiration from Chris Cutler's 'File under Popular' and independent ideals. The good (or not so good) days of socalled Recommended networking are long gone. BA tried to make open-mindedness its only agenda. After 10 years with compilation cassettes, and 10 years with 7” EPs, BA now includes (for subscribers only) CD-Rs or artwork by artists of the true bad alchemystic kind. INFO

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